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Bloß nicht aus dem Bauch heraus

Ob Gründung, Betriebsverlagerung oder Expansion – in jedem Fall erfordern Standortentscheidungen eine gründliche Analyse.


Sie ist eine Wahl, die viele Unternehmer nur einmal in ihrem Leben – bei der Gründung – treffen, manche auch gar nicht, weil sie als Erben entweder mit dem Firmensitz mehr oder weniger zufrieden sind, sich dort wohl oder ihren Mitarbeitern und ihrer Heimat verpflichtet fühlen. Die Rede ist von der Standortentscheidung, „eine strategische Weichenstellung, deren Auswirkungen auf den Unternehmenserfolg nicht zu unterschätzen sind“, wie Antje Ruthenberg, Steuerberaterin bei Ecovis, betont.

Das gilt nicht nur für Unternehmen, die im gnadenlosen globalen Kosten- und Leistungswettbewerb stehen, sondern auch für Handels- und Dienstleistungsfirmen mit lokalem oder regionalem Absatzmarkt. Hier hat die örtliche Standortqualität, etwa die Lage des Ladenlokals, entscheidenden Einfluss auf die Absatzchancen. „Eine falsche Standortentscheidung kann teuer zu stehen kommen, weil sie aus vertragsrechtlichen oder finanziellen Gründen häufig nur schwer zu revidieren ist“, weiß Andreas Gallersdörfer, Steuerberater bei Ecovis. „Manchen Unternehmer hat eine unbedachte Standortwahl sogar die Existenz gekostet.“

Dennoch betreiben, wie empirische Untersuchungen zeigen, die wenigsten Gründer eine systematische Standortanalyse. Die meisten berücksichtigen sogar nur einen einzigen Standortfaktor. Zudem spielen persönliche Faktoren wie familiäre Bindung oder Heimatverbundenheit oft eine größere Rolle als wirtschaftliche Kriterien. „Viele Gründer wählen den Standort eher aus dem Bauch oder nach vermeintlich günstigen Gelegenheiten aus, zum Beispiel bei der Anmietung von Geschäftsräumen“, bestätigt Ecovis-Steuerberater André Rogge.

Selbst gestandene Unternehmer sind beim Aufbau neuer Standorte oder Betriebsverlagerungen nicht vor Fehlentscheidungen gefeit. Oft folgen sie einem Herdentrieb, der durch das Vorbild großer Konzerne und das öffentliche Meinungsklima entsteht, ohne genau zu analysieren, ob ein neuer Standort wirklich den individuellen Anforderungen ihres Unternehmens entspricht.

Bei einem Fertigungsbetrieb zum Beispiel sind niedrige Lohn- und Lohnnebenkosten nicht der einzige Faktor in der Wirtschaftlichkeitsrechnung. Wenn sie mit geringerer Produktivität und Qualität erkauft werden, wenn durch weite Entfernungen zu Abnehmern oder Zulieferern höhere Logistikkosten und Lieferprobleme entstehen, wenn der Koordinationsaufwand wächst – dann bleiben die erwarteten Rentabilitätsgewinne nur auf dem Papier.

Auch bei der Steuerbelastung, für deutsche Mittelständler ein besonderes Reizthema, gilt es, genau hinzuschauen. „Zum Beispiel frisst in manchen Ländern, die mit niedrigen Ertragsteuersätzen glänzen, ein strenges Verrechnungspreissystem samt den Kosten, die seine Einhaltung erfordert, den Vorteil wieder auf“, erklärt Andreas Gallersdörfer. Nicht in der Kostenrechnung erfasst oder direkt daraus ablesbar, aber dennoch ein wichtiger Standortfaktor ist eine ausgebaute, passende Infrastruktur – von der Verkehrsanbindung bis zur Verfügbarkeit qualifizierter Arbeitskräfte.

Immer wichtiger werden in einem Hochkostenland wie Deutschland, dessen Wohlstand auf permanenter Innovation gründet, auch die sogenannten weichen Standortfaktoren: Bildungs- und Gesundheitseinrichtungen, Einkaufsmöglichkeiten und Freizeitwert, Umwelt- und Lebensqualität sowie das Image des Standorts. Denn diese Aspekte entscheiden darüber, ob der Standort für kompetente und hoch motivierte Nachwuchs- und Führungskräfte attraktiv ist.

Zu den weichen Standortfaktoren selbst zählen die Wirtschaftsgeografen auch das Verhalten der öffentlichen Verwaltung gegenüber der Wirtschaft: Wie bürokratisch oder unternehmerfreundlich, wie schnell agieren Genehmigungsbehörden und Förderinstitutionen? Nicht zu vergessen das Finanzamt, obwohl es von den meisten Unternehmern wohl als unvermeidliches Übel hingenommen wird. Und doch kann es einen gewaltigen Unterschied machen, welches Finanzamt für den Steuerzahler zuständig ist.

So hat eine Umfrage der Zeitschrift „Capital“ bei Steuerberatern ergeben, dass die Steuererklärungen von Privatpersonen im Norden Deutschlands willkürlicher geprüft werden. Eine ähnliche Studie über die Behandlung von Unternehmen führte 2005 das Magazin „Impulse“ durch. Erfasst wurden unter anderem die Bereiche Betriebsprüfung, Umsatzsteuer-Sonderprüfung, Kapitalerträge und Steuerfahndung, aber auch der Umgang mit säumigen Steuerschuldnern. Danach sind die Finanzämter in den ostdeutschen Bundesländern – allen voran Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen und Thüringen – im Durchschnitt weniger kompetent und wirtschaftsfeindlicher. Am besten schneiden Hamburg und die Südländer Bayern und Baden-Württemberg ab.

Von einem „klaren Standortnachteil für ostdeutsche Unternehmen und damit schlechteren Chancen für Neuansiedlungen, die Arbeitsplätze schaffen“ spricht deshalb André Rogge. Überhaupt nicht verstehen kann er, dass manches Finanzamt Firmen, die in strukturschwachen Regionen um ihre Existenz kämpfen, weder Fristverlängerung noch Ratenzahlung gewährt und sogar für Beträge von 50 oder 100 Euro Konten pfändet – ohne die Konsequenzen, etwa für die Bonitätsbeurteilung der Kreditinstitute oder die Schufa-Eintragung, zu bedenken. So geschehen in Sachsen.

Gleichwohl rät Antje Ruthenberg davon ab, allein „wegen des Finanzamts gleich das Bundesland zu wechseln – nicht nur wegen der Kosten der Betriebsumsiedlung“. Denn auch innerhalb der Bundesländer haben die Studien erhebliche Unterschiede aufgedeckt: Zum Beispiel findet sich unter den 20 strengsten Finanzämtern auch eines in Hamburg, unter den 20 pragmatischsten sind drei in Berlin, das insgesamt nur einen Mittelplatz belegt.

FAZIT
Die Standortwahl ist eine weitreichende Entscheidung, die sorgfältige Analyse erfordert. Neben den wirtschaftlich bedeutsamen Kriterien gewinnen vor allem für die Personalbeschaffung weiche Faktoren, insbesondere die Lebensqualität am Standort, an Bedeutung. Zunehmend in den Blickpunkt rückt die Unternehmensfreundlichkeit der Finanzämter.




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